Der Wille der Toten

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01. März 2023
Laura Michet

Anlässlich der Veröffentlichung von Ruined King auf PS5 und Xbox Series S|X möchten wir eine Geschichte teilen, die die Erzählung in Ruined King erweitert und einige Themen weiterführt, die wir aus Zeitgründen nicht im Spiel selbst behandeln konnten. Wir hoffen, du hast Spaß beim Lesen. Danke für deine Unterstützung.

Lange bevor sie eine Trägerin der Wahrheit für ihr Volk wurde, war Illaoi eine Akolythin im Buhru-Tempel an der Küste. Jeden Morgen ging sie an den Strand, um in der Sonne zu trainieren. Sie versuchte, sich auf die Prinzipien zu konzentrieren, die ihren Ausbildern wichtig waren. Disziplin. Bewegung. Stärke.

Eines Morgens war sie alleine am Strand, als der Meeresspiegel sank, tiefer als bei Ebbe. Die Späher auf den Schlangenrufertürmen läuteten ihre Alarmglocken und zeigten in Richtung Horizont.

Eine große Welle raste auf die Küste zu, stark genug, um Knochen zu zermalmen und Schwimmer auf das Meer hinauszuziehen.

In den Momenten nach dem Alarm wurden Illaois Gedanken von Angst überwältigt. Die Lehren ihrer Ausbilder ließen sie im Nu im Stich. Habe ich Zeit, wegzulaufen?, fragte sie sich. Soll ich einfach hier stehen?

Sie blickte auf die Welle, dann auf die Wasserlinie. Neben ihren Füßen bemerkte sie einen Schwarm rosa Krabben. Die Welle hatte das Wasser weggezogen und die Krabben saßen stocksteif auf den nassen Felsen, gelähmt von Sonnenschein, Überraschung und Unentschlossenheit.

Winzige Wesen, zu klein, um die Angst zu verstehen, die sie verspürten. Eine Krabbe konnte nicht viel machen, um einer Welle wie dieser zu entgehen.

Illaoi schon. Sie riss sich aus ihrer Erstarrung, rannte zu den Tempeltoren und erreichte sie gerade rechtzeitig, bevor die Priesterinnen sie schlossen. Als sie auf der Brüstung des Tempels hockte und zusah, wie die Welle die Küste erreichte, dachte Illaoi daran, wie sie dort stocksteif und angsterfüllt gestanden hatte.

Ich hätte sterben können. In ihren sechzehn Lebensjahren war sie dem Tod noch nie so nahe gewesen.

„Ich werde das nicht noch einmal machen“, sagte sie zu ihren Ausbildern. Nagakabouros, die Mutter aller Seeschlangen, liebte jene, die wuchsen und sich wandelten. Sie hatte kein Mitleid mit jenen, die wie immer weitermachten, während die Welle über sie hereinbrach.




Heutzutage erinnert sie etwas an den Straßen von Bilgewasser an diese verängstigten Krabben.

Es war Mittag. Die Sonne stand hoch und brannte heiß. Normalerweise wären die Straßen voller Matrosen, die ihren Landgang feiern, oder von Seemonsterjägern, die ihren Lohn ausgeben. Aber heute waren die Straßen voller Leute, die still und mit gesenkten Köpfen ihre Geschäfte erledigten.

Bilgewasser stand am Rand eines Bürgerkriegs, aber dies war kein Kampf von neuen Ideen und eifrigen Willen. Sarah Fortune und Gangplank führten denselben verdammten Krieg, den sie bereits geführt hatten. Denselben Krieg, den sie hundert Mal führen würden, wenn sie könnten. Gangplank wollte seinen Thron zurück, Sarah wollte ihn tot sehen. Die Stadt stank nach dem faulenden Stillstand in den Herzen der beiden, denn sie glaubten, dass ein Sieg ihnen zurückgeben würde, was sie verloren hatten. Vielleicht war es Respekt. Oder Gerechtigkeit für die lange verlorenen Toten. Etwas, das den Schmerz von Niederlage und Versagen lindern würde.

Es wäre so viel einfacher, wenn sie mir egal wären, dachte Illaoi. Doch Sarah war ihre engste Freundin – und Gangplank ihr ehemaliger Liebhaber. Nie zuvor waren zwei Menschen so sehr in der Vergangenheit gefangen und so erpicht darauf gewesen, ihr Potenzial zu verschwenden.

Illaoi blickte hinunter auf die Schatulle unter ihrem Arm. „Und das ist auch deine Schuld“, murmelte sie.

Die Schatulle kreischte sie an.

Ihre Schreie waren leise, gerade still genug, dass sie schwer zu hören waren, wenn man nicht genau hinhorchte. Doch immer wenn Illaoi sich auf sie konzentrierte, kratzte eine hasserfüllte Präsenz am Rand ihres Verstands.

Der Kerl in der Schatulle – der Kreischer, der Tag und Nacht Illaoi schreckliche gedämpfte Verwünschungen zuwarf – war an allem schuld.

Er war es, der den Schatten auf Sarahs Seele geworfen hat.

In diesem Moment marschierte ein Teil von Sarahs Besatzung um die Ecke. Messer und Pistolen hingen von ihren Gürteln und ihre Knöchel waren mit Messing verziert. Sie waren von Blut, Schweiß und Schießpulver benetzt. Der Kampf musste schwer gewesen sein.

Und unter ihnen war selbstverständlich Sarah Fortune persönlich. Sie sah erschöpft aus. Der rechte Ärmel ihres schmucken Kapitänsmantels war blutig. Ihre Schultern waren schlaff, und sie hatte ihren Hut tief ins Gesicht gezogen, als würde ein kalter Regen, den nur sie spüren konnte, auf sie herabprasseln.

„Hey, Illaoi“, rief Sarah, ihre Stimme ausdruckslos und stechend. „Bringen wir das hinter uns.“

„Geht es dir gut?“, fragte Illaoi. „Du siehst elend aus.“

„Ich habe eine Woche lang Gangplank gejagt.“ Sarah zeigte auf die leise wimmernde Schatulle. „Und das Ding ist auch immer noch auf dieser Insel. Komm, bringen wir das zu Ende.“

Sie gingen in den nahegelegenen Laden eines Artefakthändlers. Sarahs Besatzung hielt draußen mit gezogenen Waffen Wache. Illaoi ging voran.

Die Lupe im Auge des Besitzers blitzte auf, als sie den Laden betraten. „Illaoi!“, rief er. „Es ist schon viel zu lange her!“

Jorden Irux war ein dürrer Kerl, dessen Knie und Ellenbogen in alle möglichen Richtungen zeigten. Er war außerdem der einzige Artefakthändler in der Stadt mit Paylangi- und Buhru-Vorfahren. Illaoi bat ihn oft um Hilfe, wenn sie Relikte nicht selbst identifizieren konnte.

„Ich habe ein Rätsel für dich, Jorden.“ Illaoi legte die Schatulle auf seinem Tresen ab.

„Du hast sogar zwei für mich“, sagte er mit Blick auf Sarah. „Käpt’n Fortune höchstpersönlich in meinem kleinen Laden!“

„Mach’s nicht noch komischer“, knurrte Sarah. „Bringen wir es hinter uns.“

Als Illaois Schlüssel in der Schatulle klickte, erzitterte Sarah. Ein kränkliches Licht warf einen blaugrünen Bogen auf die Wand.

In der Schatulle lag ein Amulett. Drei abgerundete Steine, gehauen im Buhru-Stil und mit einem dünnen Draht miteinander verflochten. Sie leuchteten hell mit dem Licht einer gefangenen Seele.

„Oh, das ist fies.“ Jorden konnte auch die Schreie hören. „Bei der Göttin, das ist aber nicht …?“

Illaoi nickte. „Viego von Camavor.“

Erst vor einer Woche hatte dieser erboste Schatten eines alten Königs versucht, Bilgewasser in einen qualmenden Krater zu verwandeln. Die ganze Stadt kannte jetzt seinen Namen und verfluchte sein Andenken. Wenn er aus diesem Amulett rauskäme, würde er alles noch einmal machen.

„Das ist eine Übergangslösung“, sagte Sarah. Sie lachte kurz und verbittert. „Wir wussten nicht, wie wir ihn endgültig töten konnten. Nicht auszudenken, was er macht, wenn er da rauskommt.“

Illaoi nickte. „Unsere Historiker sagen, dass die Steine aus Schlangenbern sind … aber wir wissen nicht, ob der Geist befreit oder getötet wird, wenn wir sie zerschmettern.“

Tränen der Göttin? Das überrascht mich nicht“, sagte Jordon und verwendete den Buhru-Begriff für Schlangenbern. „Es ist so selten, dass nur ein Narr versuchen würde, sie zu zerschmettern.“ Er beugte sich vor und stellte seine Lupe ein. „Ein Buhru-Handwerker hat diese hier geformt. Der Stil unseres Volkes ist unverkennbar. Aber hier auf der Rückseite ist eine Markierung … Woher stammt sie?“

Illaoi lachte. „Von den Schatteninseln. Unser Volk hat dort mit den Gelehrten studiert, bevor die Inseln verwandelt wurden.“ Wenn Viego entkommt, wird er auch Bilgewasser in einen elenden Friedhof
verwandeln.

„Lass mich etwas nachschlagen.“ Jorden sprang von seinem Hocker und rannte in den hinteren Bereich seines Ladens.

Eine halbe Sekunde angespannten Schweigens später wendete Sarah sich Illaoi zu. „Ich weiß, was du sagen wirst“, sagte sie mit harter Stimme. „Also sag es nicht.“

„Ich hatte nicht vor, etwas zu sagen.“ Nach ihrem letzten Streit war es nutzlos, auf Sarah mit einer Wahrheit einzudreschen, die sie nicht hören wollte. „Ich wollte nichts von deiner sinnlosen Jagd nach Gangplank sagen oder was du damit der Stadt antust. Ich wollte uns eigentlich in einem unangenehmem Schweigen rumstehen lassen.“

Sarah sah sie finster an. „Ich erlebe gerade eine fürchterliche Woche. Mach sie nicht noch schlimmer.“

Sie verstummten, als Jorden zurück in den Raum stürmte. Er trug eine Schriftrolle, die mit einer Illaoi unbekannten seltsamen Schrift bedeckt war. Und da war eine Zeichnung von … einem Turm?

„Seht her.“ Jorden zeigte auf ein zusammenpassendes Symbol, das in die Rückseite des Amuletts geritzt war. „Das Zeichen seiner Hersteller. Die Bruderschaft des Morgengrauens.“

„Düster“, sagte Sarah. „Noch nie von ihnen gehört.“

„Religiöser Orden von den Gesegneten Inseln. Er ist vor langem ausgestorben.“

„Verdammt.“ Sarah schüttelte den Kopf. „Dann ist das also eine Sackgasse.“

Jorden hielt inne. „Wartet – ich habe was vergessen. Es gibt einen verrückten Einsiedler, der behauptet, einer von ihnen zu sein. Aber … ihr wisst, wie Leute sind, die zu viel Zeit da drüben verbringen.“

Die verderbten Geister der glücklichen Leute, die einst die Gesegneten Inseln ihre Heimat nannten, waren keine guten Nachbarn. Tausend Jahre des Wanderns unter dem Schatten des Schwarzen Nebels hatten die meisten von ihnen in Bestien verwandelt – Geister, Phantome und Nebelgänger spiegelten die endlosen Reflektionen der Schwächen von Sterblichen wider. Jede lebende Person, die freiwillig inmitten dieser Schatten lebt, muss außergewöhnlich stark und sehr merkwürdig sein. Einige der Sterblichen, die die Inseln zu ihrer Heimat gemacht haben, haben Tod und Gebrechen angebetet. Und aus irgendeinem Grund auch Spinnen.

Aber Illaoi hatte noch keinen Bewohner der Schatteninseln getroffen, den sie nicht unter dem Götzen ihrer Göttin wie einen Seestern plätten konnte. „Solche Wesen machen mir keine Angst“, sagte Illaoi. „Vor nicht allzu langer Zeit haben wir Thresh getötet, das schlimmste Monster der Inseln. Im Vergleich zu ihm ist ein Pläuschchen mit diesem Einsiedler ein Kinderspiel. Vielleicht weiß er etwas über das Amulett.“

Sie bezahlten Jorden und gingen auf die Straße. „Ich hatte nicht erwartet, dass dich das zurück auf die Schatteninseln bringen würde“, murmelte Sarah. Es schien ihr leid zu tun.

Illaoi nickte. Bevor sie Viego ins Amulett sperrten, hatten sie ihn auf den Inseln verfolgt und bekämpft. Übernachtungen in eingestürzten Ruinen und gemeinsames Essen am Lagerfeuer machten Spaß, wenn Freunde dabei waren … Aber so bald schon wieder alleine zurückzukehren wäre traurig.

„Du wirst ein Schiff brauchen. Ein Kapitän schuldet mir noch einen Gefallen – Matteo Ruven. Er kennt sichere Routen zu den Schatteninseln. Aber verrate ihm nichts vom Amulett.“

„Viele sind in dieser Stadt nicht mehr übrig, denen wir vertrauen können“, stimmte Illaoi zu.

Plötzlich errötete Sarah. Sie runzelte die Stirn.

Ahh, ich habe etwas Falsches gesagt, stellte Illaoi fest. Sie kann mir nicht vertrauen, weil ich nicht in ihrem rücksichtslosen Krieg gegen Gangplank kämpfe.

„Ich weiß, dass du immer noch wütend auf mich bist“, sagte Illaoi. Sie suchte nach einem neuen Weg, die Dinge zu sagen, die Sarah nicht hören wollte. „Aber meine Freundschaft kommt mit … mit Fragen. Mit Veränderung.“

„Ich höre alles, was der König in diesem Amulett sagt“, stieß Sarah hervor. „Habe ich dir das erzählt? Jeden Moment, Tag und Nacht. Er spricht von … meiner Mutter.“ Ihre Stimme verließ sie und ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. „Ich kann diese Schatulle über die ganze Stadt hinweg flüstern hören.“

Bei der Göttin. Was für eine Bürde.

Illaoi umarmte ihre Freundin. Das Bedürfnis überfiel sie und sie tat es, ohne zu überlegen, was Sarah denken würde.

Zunächst hielt Sarah sich zurück – aber dann erwiderte sie die Umarmung. Tränen bildeten sich in ihren Augenwinkeln. „Uuuhh“, seufzte sie. „Na gut.“

„Du bist für mehr als das bestimmt“, sagte Illaoi zu ihr. „Du bist für Besseres bestimmt.“ Sie glaubte daran. Sie hatte nie stärker an etwas geglaubt. Aber egal, wie oft sie es sagte, Sarah verstand es nie.

„Für Besseres bestimmt?“ Sarah strich mit ihrer Hand über ihr feuchtes Auge. „Erzähl das Gangplank.“




Sarah musste bei Kapitän Ruven wirklich etwas gut haben, denn er beeilte sich, sein Schiff, die Dressierte Ratte bereits am nächsten Tag bereit für den Aufbruch zu haben.

Als Illaoi ankam, waren Matrosen eilig damit beschäftigt, es seetüchtig zu machen. Ruven bellte Anweisungen vom Kommandodeck. Er war etwas älter, schmal, mit knubbligen Ellenbogen und einem Ring aus wuscheligen, vom Wind gezeichneten roten Haaren.

Ich könnte ihn entzweibrechen, dachte Illaoi. Das waren ihre beiden Kategorien von Menschen – jene, die sie entzweibrechen könnte, und jene, die sie nicht entzweibrechen könnte. Das machte die Welt ein ganzes Stück einfacher.

Er winkte sie zum Kommandodeck heran. „Ich kenne dich“, rief er. „Du bist die Buhru-Königin.“

„Ganz bestimmt nicht“, sagte Illaoi. „Ich bin eine Trägerin der Wahrheit. Eine Priesterin.“ Der hier ist einer der Nervigen, dachte sie.

„Na gut.“ Ruven zuckte mit den Schultern. „Das Schiff ist heute eine Katastrophe. Aber was will man schon erwarten, wenn man mir zwölf Stunden vorher Bescheid gibt.“ Er warf ihr ein entwaffnendes Lächeln zu und streckte ihr seine Hand entgegen. „Unten wartet eine leere Kajüte auf dich.“

„Brechen wir heute noch auf?“, fragte Illaoi.

„Das sollten wir. Oder ich spiele die Hauptrolle in einer von Sarah Fortunes kleinen Hafenhinrichtungen.“

Die Gänge des Schiffs waren so eng, dass Illaoi kaum ihren Götzen die Treppe hinunter auf die unteren Decks bringen konnte. Die riesige Kugel aus vom Meer gehärtetem Metall war breiter als Illaois muskulöse Schultern. Hier unten war die Decke zu niedrig, um ihn bequem auf ihrem Rücken tragen zu können, und die Gänge waren zu eng, um ihn an der Seite zu tragen. Sie musste ihn auf ihrer Hüfte balancieren und sich seitwärts zwischen den Kanonen hindurchschlängeln.

„Entschuldigung“, murmelte sie und drückte sich an einer Gruppe Matrosen mit Putzlappen und Eimern vorbei. Als sie an ihnen vorüberging, hörte sie sie leise fluchen. Matrosen waren ihrer Erfahrung nach üblicherweise immer motiviert, für alles zu haben – Paylangi, wie sie sie am liebsten mochte. Aber diese Besatzung war missmutig. Ihre Furcht erfüllte das Schiff wie der Gestank von Meersalz und verfaulenden Tauen.

Hier lebt auch Bilgewassers üble Laune.

Als das Schiff die Anker lichtete und die Segel in den Wind richtete, machte sich Illaoi auf den Weg zum windigen Kommandodeck, um wieder mit Ruven zu sprechen. Die gezackte Dachlinie der Stadt verschwand schon bald hinter wogenden Wellen und Wolken segelnder Vögel.

„Bilgewasser im Rücken und alle meine Sorgen sind vergessen“, lachte Ruven.

„Versetzt dich Bilgewasser in größere Angst als die Schatteninseln?“ Die Vorstellung brachte Illaoi zum Lächeln. „Die Stimmung hier ist gewiss übel. Aber die Schatteninseln sind schlimmer.“

„Hey, keiner der Geister dort hat es auf mich persönlich abgesehen“, sagte Ruven. „Unsere furchtlose Königin andererseits … nun ja. Ehrlich gesagt kann ich von Glück reden, noch am Leben zu sein.“

Illaoi hob eine Augenbraue. „Was hast du getan?“

Ruven lachte nervös. „Ich stehe in ihrer Schuld. Wir haben ein Abkommen. Ich bringe dich dorthin und wieder zurück und alle meine Schulden sind vergessen.“

Jemanden auf die Schatteninseln zu schicken, schien keine gute Art der Schuldeneintreibung zu sein. Die Chance, den Schuldner an einen Geist oder einen Spinnenbiss zu verlieren, schien etwas zu hoch. „Du musst tief in ihrer Schuld stehen.“

„Ja. Ich habe versucht, sie in die Luft zu jagen.“

„Was?!“

„Also, ich habe nicht für Gangplank gearbeitet.“ Ruven rieb sich mit den Händen das Gesicht. „Ich war einfach nur gegen die neuen Beutesteuern. Ich habe ein paar neue Freunde gefunden … es war ihre Idee.“

Das waren nicht die Worte eines Mannes, der seinem Schicksal tapfer ins Gesicht blickte oder Verantwortung für seine Entscheidungen übernahm. Ruven schien von den Ideen anderer bestimmt zu werden.

„Käpt’n Fortune hält nicht viel von solchen Ausreden“, sagte Illaoi. „Heutzutage löst sie Probleme wie dich mit einer Pistole.“

„Ja.“ Er flüsterte. „Die Besatzung ist … nicht glücklich. Wir haben deswegen einen hervorragenden Auftrag verloren. Also ging ich zu Fortune und sagte ihr: Ich bin nützlich! Verwende mich. Mein Pa und ich waren damals Auftragspiloten auf den Schatteninseln. Ich kenne Routen, die sonst niemand kennt.“

„Von anderen verwendet zu werden, ist keine Freiheit für eine Seele“, sagte Illaoi.

„Es ist immer noch besser als hingerichtet zu werden! Du bist mit Fortune befreundet, oder?“, fragte er. „Mit ihr verfeindet zu sein, ist anstrengend. Ich bin vielleicht ein erbärmlicher alter Knilch, aber ich kann trotzdem noch ein paar neue Tricks lernen.“

Illaoi beäugte ihn. Unwahrscheinlich, dachte sie. „Dein Leben wird von Stillstand beherrscht“, sagte sie. „Die Freiheit, nach der du strebst, ist ohne Bewegung unmöglich. Du brauchst spirituelle Beratung, keine … Hilfe beim Plaudern.“

Ruven kicherte. „Ich meine, das würde ich auch nicht ablehnen.“

Illaoi seufzte. Selbst die unbeweglichsten Menschen konnten tiefe Strömungen verbergen, in denen die Seele sich bewegte und wandelte. Jeder verdient die Chance, sich als würdig zu erweisen.

Und sie wusste: Wenn dieser Mann sich ändern kann, kann Sarah das auch.

„Vielleicht können wir reden“, sagte Illaoi. „Wenn wir auf der Reise die Zeit finden.“




Ruven liebte es, zu reden.

Er erzählte Illaoi von seinem Vater – einem Auftragspiloten, der ständig in den belebtesten Kneipen von Bilgewasser zu finden war, „und Kapitänen Getränke abschnorrte und nach Aufträgen suchte.“ Er war nicht da, als Ruven ihn am dringendsten brauchte, aber er arbeitete an seinem Vermächtnis, behauptete Ruven, und zeichnete seinen Kurs zu den Schatteninseln auf.

„Du siehst es, wenn wir dort sind. Es ist unglaublich. Der einzig sichere Weg zum ganzen Archipel. Dort hab ich noch nie ’nen Geist am Strand gesehen.“

„Beeindruckend. Wie hast du davon erfahren? Hat dir dein Vater den Weg gezeigt?“

Ruven lachte. „Als ob! Er hat mir die Karten gegeben, mich in eine Jolle geschubst und mich gezwungen, die Reise alleine zu machen. Ganz alleine im Schwarzen Nebel, und er sicher auf seinem Schiff!“

„Das ist nicht zu verachten“, sagte Illaoi. „Jeder Mann, der sich selbst eine Route zu den Schatteninseln beibringen kann, kann auch seinem Leben eine neue Richtung geben.“ Er ist wie Sarah, dachte Illaoi. In ihm steckt Größe. Er muss sie nur finden.

An den letzten Tagen ihrer Reise war das Tageslicht weniger zuverlässig. Jeden Nachmittag strich ein früher „Abend“ über die Sonne und ertränkte ihr Licht in einem matten Grau. Das war der Schwarze Nebel – oder zumindest sein Rand. Die Späher wurden immer angespannter. Im Nebel konnten rachsüchtige Geister aller Art verborgen sein.

Illaoi hatte schon viele Matrosen, die die Schatteninseln besucht hatten, zu ihrem Glauben bekehrt. Als sie sie gegen Stillstand predigen hörten, wussten sie, was sie meinte. Schwarze Sandküsten. Verfaulte, verzerrte, blattlose Bäume. Monumente aus glattem, schwarzen Stein, feucht von der Meeresgischt, begraben von Haufen uralten Lehms.

Als diese verwunschenen Inseln am Horizont aufragten, witzelte Ruven ständig und machte sich über die Sorgen der Matrosen lustig. Der Buhru-Begriff für Leute wie ihn lautete Wellenpreller: Jene, die am Strand vor und zurück laufen, versuchen, mit verängstigten und albernen Bewegungen ihre Zehen trocken zu halten. Viele kleine Schritte, um einen größeren zu vermeiden.

Als die Inseln aber nahe genug waren, dass die eingestürzten Türme auf den Hügeln zu erkennen waren, wandelte Ruven seine hektische Energie in Taten um. Er verschwand in seine Kajüte und kehrte mit einem Bündel Papiere mit Notizen und Diagrammen zurück. Als er den Navigator am Steuerrad des Schiffs ersetzte, sah er aus, als würde er sich gleich übergeben.

„Zeit, zu zeigen, was ich drauf habe“, sagte er zu Illaoi. Er wendete sich zur Mannschaft in den und rief: „Halbe Kraft!“

Das Schiff begann einen seltsamen Tanz zur Küste. Ruven kämpfte mit dem Steuerrad, warf sein ganzes geringes Gewicht in jede Kehre. Die Bretter des Schiffs ächzten und die spitzen Felsen glitten weniger als eine Armlänge vom Rumpf entfernt vorbei. Sie warf einen Blick auf Ruvens unleserliche Papiere. Kein Wunder, dass Sarah ihn am Leben ließ. Was auch immer er weiß, ist ohne
ihn als Übersetzer nutzlos.

Sie hielten in einer felsigen kleinen Bucht an. Zerschmetterte Steine versteckten sie vor dem offenen Meer und die steilen Klippen verbargen den Mast und die Segel vor der Küste. Ein ziemlich sicherer Hafen … und zum Glück nicht zu weit vom Kloster entfernt.

Ruven lehnte sich erschöpft gegen das Steuerrad. „Und so verdiene ich meinen Lebensunterhalt“, sagte er. „Sag Käpt’n Fortune, wie beeindruckend ich bin, ja?“




Ungefähr zwanzig Matrosen – mehr als die Hälfte der Besatzung – ging für die Mission an Land. Das Kloster war ein paar Stunden Fußmarsch entfernt. Illaoi brachte nur ihren Götzen, eine volle Trinkflasche und die Schatulle mit.

„Bleibt nahe bei mir“, sagte sie der Besatzung. „Meine Göttin verachtet den Nebel, also fürchtet der Nebel ihren Götzen. Wir werden sicher vor ihm sein, wenn wir zusammenbleiben.“

Die Matrosen reihten sich hinter Illaoi und Ruven ein, als sie den Wald betraten. Illaois Götze teilte den Nebel und enthüllte zu beiden Seiten ihres Wegs seltsame Gebäude und Gewächse. Alles war in einem Zustand des Verfalls eingefroren. Vertrocknete Bäume, älter als die Zitadellen der Buhru-Hauptstadt zerkratzten die Gesichter und Schultern der Matrosen, als sie an ihnen vorbeimarschierten.

Schon bald fanden sie sich inmitten der Ruinen einer Kleinstadt wieder. Zerbröckelnde Mauern zwangen sie, sich durch das Gestrüpp zu ducken und zu schlängeln. Im Gänsemarsch gingen sie langsam einen engen Pfad durch das Dickicht entlang – der einst vielleicht eine Gasse war.

Die vertrockneten Büsche und Bäume sahen alle gleich aus. „Weißt du überhaupt, wohin du gehst?“, fragte jemand hinter Illaoi.

Es war ein kleiner drahtiger Kerl mit einem ungleichmäßigen Bart und Goldzähnen. Auch ein sehr entzweibrechbarer Mann.

„Ja“, antwortete Illaoi. „Bitte zeichne deinen eigenen Pfad auf, wenn du möchtest. Ich kann dich in jede Richtung, die du willst, in den Nebel werfen.“

„Kristof? Halt’s Maul“, sagte Ruven. „Oder du wanderst direkt in den Knast, wenn wir wieder auf dem Schiff sind.“

Kristof war blind vor Wut. „Wir hätten dich in den Knast stecken sollen, nach dem, was du mit Fortune abgezogen hast!“

„Hört sofort mit diesem Unsinn auf“, befahl Illaoi. Aber jetzt hatten sich alle in den Streit eingemischt und die erhobenen Stimmen schallten durch den Wald.

Illaoi wusste, dass dies Feinde anziehen würde. Unter den Rufen konnte sie ein leises knarzendes Geräusch vernehmen, wie Schritte auf schwerem Lehm.

Das Dickicht neben dem Pfad wurde plötzlich aufgewühlt. Zweige kratzten aneinander mit einem Geräusch, als würden Klingen über Knochen schaben. Klauenähnliches Gestrüpp entfaltete sich zu Händen. In jedem Busch und in jedem Baum war ein Gesicht, verwittert wie jene der unversöhnten Toten.

Der Streit wurde zu Geschrei – und dann schloss sich das Dickicht. Der Pfad war von einem Augenblick zum nächsten verschwunden. Die Matrosen flohen vor Schrecken. Sie sah einen in den Wald laufen, doch er wurde von einem knorrigen Zweig zu Boden geschmettert. Die Bäume schlossen sich über ihm und erstickten seine panischen Schreie.

Illaoi erhaschte sogar einen Blick auf Ruvens Rücken, als er durch die Bäume floh, seine Papiere hinter ihm verteilt. Feigling, dachte sie. Dann stürzten sich die Geister auf sie.

Die Matrosen in Illaois Nähe kämpften zurück, doch ihre Schwerter waren zwecklos – als würde man auf einen Dornenbusch einstechen. Die Geister rückten durch einen Hagel von Streifhieben vor und erstachen die Matrosen mit zersplitterten hölzernen Gliedmaßen.

Als ein Geist auf sie zusprang, schwang Illaoi wild ihren Götzen. Sie traf ihn – sein Körper hallte wie ein leerer Eimer wider und zersprang in Stücke. Als ein weiterer vorwärts stürmte, schlug Illaoi ihn so hart, dass er wie ein verwester Zaunpfahl entzwei brach.

Bei der Göttin, das macht Spaß!

Die Avatare der Göttin waren auf Muskelkraft spezialisiert. „Nagakabouros“, rief sie, „beschütze uns!“

Sie hob ihren Götzen an und schmetterte ihn auf den Boden. Die Matrosen wankten, aber die Geister ergriffen vor dem grünen Leuchten des Götzen die Flucht.

Paylangi haben sie immer gefragt: Woher kommen die Tentakel? Sie sagte ihnen: Das ist egal. Die Göttin war überall, in allem, was sich änderte. Sie konnte überall hingehen, alles sein, weil alles sich ändern konnte.

Zum Beispiel konnte sich ein Geist in viele kleine Geisterteile verwandeln.

Eine schützende Wand aus Tentakeln brach aus dem Boden hervor und verwandelte Geister in Sägespäne. Illaoi half ihnen dabei. Büsche und Bäume zersplitterten. Knorrige hölzerne Köpfe rollten wie Kugeln durch den Schlamm. Sie erhaschte einen Blick auf einen Geist, der hoch in die Luft geschleudert wurde und dabei an einen Vogel erinnerte.

Als die Geister in ihrer Nähe in Stücke zerfetzt waren, wuchtete Illaoi ihren Götzen auf die Schulter und die Tentakel verschwanden. Der Pfad war in eine unheimliche Stille gehüllt. Kein Anzeichen von den Matrosen, die weggelaufen waren – nicht einmal ferne Schreie. Sogar die Toten waren verschollen. Vielleicht weggetragen oder unter den Wurzeln begraben.

„Atmet durch“, sagte sie zur Gruppe. „Wer ist noch übrig?“

Es waren nur sieben, einer von ihnen Kristof. „Sollen wir nach dem Kapitän suchen?“, fragte er. Er wirkte nicht sehr begeistert. „Wir können ohne Ruven nicht von hier wegsegeln.“

Illaoi sah Ruvens schlammdurchtränktes Kartenbündel auf dem Boden liegen. Sie hob es auf und fischte die Karte heraus, die sie ihm gegeben hatte. Unter dem Schmutz war der Weg zum Kloster immer noch zu erkennen.

Auf dem Schiff schien er bereit für eine Veränderung. Aber am Ende war er wieder zu seiner Feigheit zurückgekehrt – eine Seele im Stillstand, für immer vom Willen anderer geleitet. Ich würde ihn nur retten, um ihn zu benutzen, dachte sie. Wie Sarah und die anderen es getan haben.

Und mit nur sieben verwundeten und erschöpften Matrosen nach ihm suchen? Sie würden garantiert sterben. Kristof und die anderen Matrosen hatten so ein Schicksal nicht verdient. Die Lebenden können immer noch wachsen und sich ändern, rief sie sich in Erinnerung. Die Toten nicht.

Ihre Entscheidung stand fest. „Wir müssen weitergehen“, verkündete Illaoi. „Zum Kloster. Wir müssen uns auf das Wohlwollen des Einsiedlers verlassen, der dort lebt.“




Kurze Zeit später ragte das Kloster vor ihnen aus dem Nebel auf. Es schien gut erhalten zu sein – sein hoher Turm sah genauso aus wie der, der in das Amulett geritzt war.

Als Illaoi auf das Tor zuging, sprang ihr ein Mann in den Weg. Er ähnelte so sehr einer Bestie von den Inseln, dass sie ihn fast mit ihrem Götzen erschlagen hätte.

„Warte! Ich bin’s“, krächzte Ruven.

Einen Augenblick lang starrte ihn die Gruppe nur an. Ruvens Körper war zur Gänze von Schlamm bedeckt. Seine Jacke war blutdurchtränkt. Tote Zweige hingen in seinen Haaren. Er sah aus, als wäre er von einer Herde riesiger Felskrabben überrannt worden.

Illaoi war erleichtert – aber nur für einen Moment. Dann wurde sie wieder von ihrer Frustration ergriffen. „Du hast eine schändliche Tat begannen“, bellte sie. „Deine Mannschaft verlassen.“

Ruven wirkte schockiert. „Ich dachte, du würdest dich freuen, mich zu sehen.“

„Ich freue mich nie, einen Mann zu sehen, der vor seiner Pflicht flieht!“ Illaoi hielt nichts zurück. „Du hast gesagt, du willst dich ändern. Heute auf dem Schlachtfeld habe ich nicht einen Mann gesehen, der sich ändern will.“

Ruven warf der Mannschaft einen beschämten Blick zu und Kristof ging auf ihn los. „Wie hast du den Nebel überlebt?“, fragte er.

Ein erzwungenes Lächeln ließ den Schlamm auf Ruvens Backen Risse schlagen. „Ich, ähm …“

„Illaoi sagte, alleine wegzulaufen wäre Selbstmord.“

Ruvens Miene verfinsterte sich. „Wenn du es wirklich wissen willst, ich habe meinen eigenen Schutz mitgebracht. Ich war nicht in Gefahr.“

Illaoi war angewidert. Einen Schutz, den du nicht teilen wolltest. Eine Art Artefakt? „Wir werden später über deine Schande sprechen“, sagte sie. „Zuerst müssen wir hinein.“

Sie drehte sich um und klopfte an die riesige Holztür. Das Geräusch hallte in einem offenen Bereich dahinter wider. Dann räusperte sich hoch oben jemand und fragte: „Wer ist da?“

Illaoi konnte breite Schultern und einen mit einer Kapuze bedeckten Kopf ausmachen, der sich über die Brüstung lehnte. „Ich bin Illaoi, Trägerin der Wahrheit von Buhru“, rief sie. „Ich bin auf der Suche nach dem Einsiedler von der Bruderschaft des Morgengrauens. Dürfen wir hier Unterschlupf suchen?“

Der Mann hielt einen Moment lang inne. „Ich werde euch hereinlassen“, antwortete er mit tiefer Stimme. „Aber fasst keine der Kreaturen drinnen an.“

Kreaturen?“, flüsterte einer der Matrosen.

Die Türen öffneten sich langsam. Jede Tür war mehr als doppelt so hoch wie Illaoi und unglaublich schwer. Als sie ungefähr eine Armeslänge geöffnet waren, sah sie, wer von innen gegen sie drückte: Nebelgänger.

Diese Geister hatten die Form von gebückten, erschöpften Männern und Frauen, mit langen, herunterhängenden Armen und geöffneten Mündern voller Reißzähne. Aber anders als jene, die Illaoi gesehen hatte, bewegten sie sich in passiver gehorsamer Stille und lehnten sich wie pflichtbewusste Soldaten gegen die Tür.

Illaoi schreckte zurück – doch die Nebelgänger sprangen nicht auf sie zu. Hinter ihr griffen die Matrosen nach ihren Waffen.

Der Mann von der Brüstung ging auf sie zu. „Machen sie euch Angst?“, fragte er. „Sie sind meine Gefährten.“

Illaoi hatte noch nie jemanden wie ihn gesehen. Er war wie ein Priester in eine Robe gehüllt, aber gebaut wie ein Fels, mit riesigen Schultern, die von harter Arbeit zeugten. Kein Mann, den ich entzwei brechen könnte. In einer Hand hielt er eine schwere Schaufel aus dunklem, abgenutztem Metall, dreckverkrustet, als hätte er diese Bestien aus ihren Gräbern geschaufelt.

Illaoi bemerkte, dass seine Arme nicht verhüllt waren. Dieser bläuliche Farbton … das war seine Haut.

„Bist du auch ein Nebelgänger?“ Sie hatte sich in der Vergangenheit schon mit Nebelgängern verbündet, obwohl sie keine Freude daran hatte. Im Stillstand des Todes gefangene Kreaturen fügten den Lebenden oft Schmerz zu und waren ein unheiliger Affront gegen die Heiligkeit des Lebens.

Der Mann lächelte. „Fragst du, ob ich am Leben bin?“

„Auf diesen Inseln ist das eine berechtigte Frage!“

„Und eine sehr persönliche.“ Er zuckte nachdenklich mit den Achseln. „Ich bin ein … Betreuer. Bitte, kommt hinein.“

Der Hof war voller Nebelgänger, die Stücke von Holz und Felsen trugen und zwischen Reihen von Grabsteinen stolperten. Sie beachteten die Neuankömmlinge nicht. Zwar waren ihre Mäuler weit geöffnet und ihre Blicke leer, aber sie schienen von einer seltsamen Mission angetrieben.

„Das ist Irrsinn“, flüsterte Ruven. „Er hat eine Armee.“

„Er hat auch eine Art Schutz“, sagte Illaoi. „Seht. Der Schwarze Nebel greift ihn nicht an.“

Der Einsiedler hörte sie. „Das muss er nicht. Die Herrin beobachtet mich.“

Er zeigte auf die Spitze des Turms. Illaoi erhaschte einen Blick auf die Gestalt oben, doch sie zog sich hinter die Brüstung zurück, als würde sie sich schämen, gesehen zu werden.

„Die Herrin?“

„Eine weitere … Gefährtin von mir.“

„Und wie heißt du?“

„Yorick“, sagte der Einsiedler. „Ich bin in meiner Stellung der Letzte meiner Bruderschaft.“

Sie starrte ihn an. Nein. Das kann nicht sein Ernst sein. „Der Letzte?“

„Ich bin hier, seit all das begonnen hat“, sagte er und zeigte auf den nebelverhüllten Himmel. „Ich bin seit der Zerstörung hier.“




Illaoi hatte sich nie ein Zuhause wie das von Yorick vorgestellt. Die leeren Hallen des Klosters waren von den Bewegungen der Nebelgänger belebt. Sie schritten in Stille über die gesäuberten Böden, jeder einzelne auf eine geheimnisvolle Pflicht versessen.

Sie fühlte eine Gänsehaut über ihre Haut schleichen und ihren Mund austrocknen. Es war nicht Angst – sondern Wut. Er hält die Toten in seinem Dienst gefangen. Gewissenlos. Abstoßend. Sie behielt diesen Gedanken aber für sich. Dieser Mann konnte immer noch helfen, Bilgewasser zu retten.

„Ihr hattet auf dem Weg Probleme“, stellte Yorick fest. Er zeigte auf eine Wendeltreppe. „Ich habe nicht viele Annehmlichkeiten für Sterbliche zu bieten, aber in der Zisterne unten gibt es sauberes Wasser. Und ein Feuer, an dem ihr euch wärmen könnt.“

Während sich die anderen unten wuschen, wartete Illaoi an der Schwelle und betrachtete die Nebelgänger im Hof unter ihr. Hätte sie vor ihrer Reise mit Sarah und ihren Freunden, um Viego aufzuhalten, einen Mann getroffen, der tausend Jahre im Trott seines Lebens gefangen war und eine Armee ruheloser Geister anführte … hätte sie ihn sofort getötet. Und Nagakabouros hätte mich zum Dank gesegnet.

Yorick trat neben sie. „Du willst etwas von mir“, sagte er.

„Das stimmt.“ Sie hatte Mühe, ruhig zu bleiben. „Aber ich bin es nicht gewöhnt, zu erleben, dass Geister so behandelt werden.“

„Sie sind hier nicht gefangen, falls dir das Sorgen bereitet“, sagte Yorick. „Ich suche diese Inseln nach den gequälten Toten ab. Manche von ihnen bleiben eine Weile hier bei mir, bevor sie weiterziehen.“

„Und was machen sie?“

„Sie bauen Gräber“, sagte er. „Das hier ist das Volk der Gesegneten Inseln. Meine Landsleute, die Ruhe und Frieden suchen.“ Er hielt einen Augenblick lang inne, als würde er ein Gebet sprechen. „Wir können oben in meiner Bibliothek unter vier Augen sprechen.“

Der Turm war aus riesigen dunklen Steinblöcken gebaut, die von der Zeit geglättet und von Fackelrauch verrußt waren. Er war älter als die Ruinen von Helia oder die Gewölbe, die Illaoi und Sarah zuvor besucht hatten.

Er war hier tausend Jahre lang wie ein Toter eingekerkert. Der Stillstand
in Reinform. Seine Höflichkeit machte es fast noch schlimmer.

Die Wände der Kammer in der Spitze des Turms waren von Bücherregalen gesäumt und von einem kaltblauen Licht erhellt, das durch das Fenster drang. Neben der Tür hing ein Paar steinerner Schulterplatten mit einem Umhang aus Schwarzem Nebel, der aus ihnen drang. Und auf einem der hohen Bücherregale wogte ein Nest aus dunklem Nebel und glühendem blauen Licht.

„Das ist die Herrin“, sagte Yorick. „Sie ist seit Jahrhunderten bei mir.“

„Ich dachte, du hättest gesagt, sie wären weitergezogen.“

„Wenn sie bereit sind.“ Er schloss die Tür hinter ihnen. „Und, wenn du bereit bist, zeig mir bitte, wen du in dieser Kiste an deinem Gürtel versteckst.“

Illaoi hob eine Augenbraue. „Du kannst ihn spüren?“

„Die Herrin spricht zu mir. Sie hat mir erzählt, wessen Geist das ist.“

Illaoi öffnete die Schatulle mit dem Schlüssel, der um ihren Hals hing. Yorick lehnte sich nach vorne. Das Licht des Amuletts vollführte einen finsteren Tanz über sein zerfurchtes Gesicht.

„Viego von Camavor“, sagte er. Er streckte der Schatulle eine riesige schwielige Hand entgegen – und hielt sich dann zurück. „Seit der Zerstörung hatte ich gehofft, so etwas zu sehen. Aber … ich hatte mehr erwartet.“

„Was hast du erwartet?“

„Dass der Nebel verschwunden wäre. Aber er bleibt. Dass die Geister nicht mehr leiden müssten. Aber sie leiden weiter.“ Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. „Vielleicht hatte ich erwartet, dass ich mich ändern würde.“

Illaoi fühlte einen Hauch Mitleid mit ihm. Sie hatte sich auch gefragt, ob sich die Schatteninseln nach Viegos Verbannung ändern würden, ob sich der Nebel endlich auflösen würde. Aber dies ist eine Herausforderung für jemanden, der stärker ist als
wir, rief sie sich in Erinnerung.

„Als du ihn besiegt hattest, sah ich die Lichter am Himmel“, sagte Yorick. „Doch die Geister wurden nicht befreit und die Herrin flüsterte weiterhin in mein Ohr. Also blieb meine Verantwortung ihnen gegenüber bestehen.“ Er starrte Illaoi mit versteinerter Miene an. „Ich bin ein Mitglied eines heiligen Ordens, genau wie du. Lange Jahre der Anstrengung … das ist unser Los. Beharrlichkeit, Glaube und Hingabe.“

Illaoi war gereizt. „Nagakabouros verachtet nicht die Hingabe. Sie verachtet den Stillstand.“

Yorick stand auf und ging zum Fenster. „Komm, sieh dir das an.“

Hinter den Mauern der Abtei, über Meilen wilder, nebelverhüllter Hügel, standen tausende Gruften verteilt. Gruften, die von den Händen sterblicher Handwerker gefertigt worden waren, befanden sich Seite an Seite mit jenen, die von den ungeschickten Toten aus Trümmern gebaut worden waren. Hier und dort konnte Illaoi in den endlosen Feldern von Grabsteinen die Bewegungen der Nebelgänger ausmachen.

„Ist das nicht der größte Friedhof, den du je gesehen hast?“, fragte Yorick trocken.

War er, stellte Illaoi fest, halb so groß wie Bilgewasser.

Yoricks Stimme war vor beherrschten Emotionen gepresst. „Wenn es auf dieser Insel eine Kraft der Veränderung gibt, dann bin ich es. Ich öffne die Erde und verschaffe den Geistern ihre Ruhe. Und die Welt um mich herum verändert sich.“ Er drehte sich zu Illaoi. „Ehre ich also nicht deine Göttin?“

Eine Kombination von Überzeugungen verband Illaoi mit den Details ihres Glaubens. Es waren einfache Überzeugungen, klar und gütig und menschlich. Ihre Beziehung zu ihrer Göttin hatte sich zwar über die Jahre verändert, doch der Kern ihres Glaubens war stark geblieben. Leben bedeutet Bewegung. Zur Gänze zu leben ist sich zu verändern; sich zu
verändern ist Stärke.

Die Lebenden können sich ändern. Die Toten nicht.

Illaoi fühlte, wie diese Grundlage unter ihren Füßen wankte. Können die Toten ihre eigene Welt erbauen? Können sie ihre eigenen Wünsche
verfolgen? Nein. Warum glaubt er so etwas?

Sie hatte bereits zuvor Bewegung in Wesen gebracht, die zwischen Leben und Tod gefangen waren. Pyke, der Schlitzer vom Bluthafen, war eines von ihnen. Aber seine Gnade wurde ihm von Nagakabouros erteilt, und die Göttin hatte nichts mit Yoricks Domäne zu tun.

„Ich vermute,“, gab sie schließlich zu, „dass die Toten ihre eigene Art der Bewegung haben können. Doch Nagakabouros würde niemals Geister hier über ihre Lebensjahre hinaus gefangen halten.“

„Würde sie ihnen eine Wiedergeburt zuteil werden lassen?“

„Ja. So schnell wie möglich! Es wäre eine Sünde, ihnen auch nur einen Augenblick lang das Leben zu verweigern.“

„Und hier liegt der Unterschied zwischen uns“, sagte Yorick. „Du würdest die Geister vor ihrer Zeit verbannen.“

Illaoi wusste, dass sie die Angelegenheit mit dem Amulett niemals würde lösen können, wenn sie dieses Gespräch weiterführte. Also wechselte sie das Thema. „Diesen Geist hier möchte ich verbannen.“ Sie hob das Amulett an seiner Kette an und zeigte ihm die Markierung auf seiner Rückseite. „Dein Orden hat das gefertigt, aber im Stil der Buhru. Wir hatten gehofft, du könntest uns verraten, wie wir den Geist darin zerstören können.“

Yorick nahm das Amulett in seine bloße Hand. Es schien ihn nicht auf dieselbe Weise zu beunruhigen, wie es Sarah beunruhigt hatte.

„Ich glaube, ich erinnere mich an die Frau, die es gefertigt hat“, sagte er. Er ging zu seinen Bücherregalen und fand ein Bündel brüchiges graues Pergament. „Sie war eine Buhru-Matrosin. Sie hat zu viele gesehen, die auf See gestorben sind. Also ist sie unserem Orden beigetreten, um den Toten Frieden zu bringen.“

Uralte Schriften der Buhru überzogen das Pergament. Illaoi erkannte die alten Worte. Diese Künstlerin hatte an Juwelen aus Schlangenbern gearbeitet – eine Technik, die nur von den Buhru praktiziert wurde. Aber sie hatte die Juwelen auch mit großer Hitze gehärtet, um eine Kristallhülle zu schaffen, die einen zornigen Geist in sich halten konnte. Die von ihr verwendete Technik stammte von den Gesegneten Inseln.

„Ich kann Buhru nicht lesen“, gab Yorick zu. „Steht hier etwas Nützliches?“

Illaois Augen wanderten die Seite hinunter. Sie erkannte eine Zeichnung mit einer Art magiegetriebenem Hochofen, dessen Energie durch Prismen und Linsen fokussiert wurde. Ein gyroskopischer Dynamo aus Licht und Flamme. Die Zeichnung war als Der zerstörte Geist benannt.

Das schien unmissverständlich. „Sie hat die Maschinen deines Volkes verwendet, um die Juwelen zu härten. Mit derselben Hitze könnten wir den Geist im Inneren zerstören.“

„Die Hochöfen?“ Er lachte traurig. „Ich habe aus ihren Blöcken Grabsteine gemacht.“

Sie schwiegen wieder einen Moment lang nachdenklich. Illaoi fragte sich, wie es Sarah ging. Sie fragte sich, ob sie über diese Entfernung hinweg immer noch das Amulett zu sich sprechen hörte.

„Es gibt nur eine einfache Lösung“, sagte Yorick plötzlich. „Du könntest das Amulett in einen Vulkan werfen.“

Illaoi warf ihm einen Blick zu. „Du machst Witze.“

„Tue ich nicht. Ich bin in diesen tausend Jahren nicht weit gewandert, aber Vulkane bleiben mindestens so lange aktiv.“ Er kehrte zu den Bücherregalen zurück und fand eine Karte, die zu einem enormen Bündel gerollt war. Sie zeigte die Gesegneten Inseln vor der Zerstörung – mit Straßen und Städten. „Da.“ Yorick zeigte auf einen winzigen Punkt in einer Ecke der Karte. „Die Insel von Narbfels. Von hier einen halben Tag per Schiff.“

„Dort ist … freigelegte Lava?“ Ihre Frage kam ihr dumm vor.

„Die Zeit ändert diese Dinge“, sagte Yorick. „Aber zu meinen Zeiten war sie dort.“

Illaoi kam ein Gedanke. Wenn Pyke die Wahrheit in den Methoden der Göttin sehen konnte, konnte
dieser Mann das auch. „Es sind immer noch deine Zeiten“, sagte sie. „Komm mit uns. Du wolltest sehen, wie dieser König zerstört wird. Wenn du willst, kannst du ihn selbst in seinen Tod stoßen!“

Yorick lachte grimmig. „Das liegt hinter dem Schwarzen Nebel. Ich bezweifle, dass ich dir helfen kann, wenn ich außerhalb des Reichs der Toten bin.“ Er zeigte auf die Herrin. „Meine Kräfte sind an die Toten geknüpft. Und ich habe meine Stellung in tausend Jahren nie verlassen.“

„Dann ist jetzt die beste Zeit, es zu versuchen!“, drängte Illaoi. „Verlasse diesen Ort, wenn auch nur für einen Tag. Ich bin mir sicher, die Erfahrung wird dir gefallen.“

Yorick überlegte einen Moment. „Was für eine merkwürdige Vorstellung“, murmelte er. „Etwas zu tun, weil es mir gefallen würde.“ Er richtete sich auf und verschränkte seine riesigen Arme vor seiner breiten Brust. „Und du hast recht. Nichts würde mir besser gefallen, als Viego zu töten.“




Sie alle versammelten sich im Hof, um das Kloster zu verlassen.

Ruven stand abseits vom Rest der Gruppe. Als Yorick seine Geister anwies, das Tor zu öffnen und sie hinauszulassen, packte Illaoi die Navigationskarten zusammen, die sie im Wald aufgelesen hatte, und sprach mit dem Kapitän.

„Hast du die Angelegenheiten mit deiner Mannschaft geregelt?“, fragte sie. „Könnt ihr alle friedlich zum Schiff zurückkehren?“

Er vermied es, sie direkt anzusehen. „Klar. Ja. Wir können zurückgehen.“

„Haben sie dich bedroht? Ich habe einen Auftrag. Ich werde keine Störungen von dir oder deiner Mannschaft dulden.“ Ruven weigerte sich weiter, sie anzusehen. Frust schnürte ihr die Kehle zu. „Du musst mir sagen, wenn sie eine Meuterei planen“, murmelte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Mir egal, was sie mit mir machen. Das ist wahrscheinlich meine letzte Reise.“

Illaoi blickte hinunter auf die Navigationsnotizen. Er ist der einzige, der sie gebrauchen kann, dachte sie. Ich kann ihn wieder zu Sinnen bringen, sobald wir auf offener See sind.

Sie reichte ihm das Papierbündel. „Ich erwarte von dir Konzentration“, sagte sie zu ihm. „Hingabe. Ein Mann kann sein Leben ändern, aber er muss es versuchen.

„Na gut.“ Ruven stopfte die Papiere in seine schmutzige Jacke.

Sie kehrten in eisigem Schweigen zurück zum Schiff. Die halbe Besatzung war tot und Ruven war mit dem Rest zerstritten. Als Ruven das Schiff aus der Bucht steuerte, stand Yorick an der Reling und beobachtete die Herrin, die alleine im Sand stand.

„Du verlässt sie seit tausend Jahren zum ersten Mal“, sagte Illaoi. „Fühlst du dich anders?“

Er zog etwas unter seinem Kragen hervor: eine kleine Phiole, gefüllt mit einer durchsichtigen, hellen Flüssigkeit. „Das Flüstern des Nebels ist leiser“, sagte er. „Und das Geräusch, das das hier macht – ist lauter.“

Illaoi brauchte einen Moment, um zu erkennen, was sie vor sich sah. „Gesegnetes Wasser?“

„In der Tat.“ Er steckte die Phiole wieder unter seinen Kragen. „Im Kloster hat mich das nur am Leben erhalten. Hier draußen bete ich, dass es mir Kraft verleiht.“




Die Reise führte geradeaus, eine halbtägige Reise zu einer Insel am Rand des Archipels der Schatteninseln. Die Besatzung hielt die Segel getrimmt und Ruven schmollte auf dem Kommandodeck. Seine Schultern hingen schlaff herab, seine Hände waren tief in die Taschen gegraben. Er hielt seinen Blick auf den Horizont gerichtet – und hin und wieder auch auf die Besatzung.

Illaoi ging auf ihn zu. „Ich weiß, wir haben gesagt, wir würden über Nagakabouros und deinen Platz in Bilgewasser sprechen“, sagte sie zu ihm. „Wenn du immer noch Führung willst, bin ich hier.“

Er warf ihr einen Blick zu. Etwas lag in seinen Augen – Angst? „Vielleicht später“, murmelte er.

„Was hast du im Kloster mit deiner Mannschaft besprochen?“ Sie mussten ihm so manches zu sagen gehabt haben. Was auch immer das gewesen sein mag, er musste sich ihre Worte zu Herzen nehmen.

„Ich will nicht darüber sprechen“, sagte er. „Ich bin beschäftigt.“

Illaoi zuckte mit den Schultern und verließ das Kommandodeck, um am anderen Ende des Schiffs mit Yorick zu sprechen.

Sie war erstaunt, wie gerne sie sich mit ihm unterhielt. Wenn sie nicht seine Armee von Nebelgängern sehen musste, war es einfacher, über ihre Überzeugungen und ihre jeweiligen Vorteile zu sprechen. Die ganze Nacht lang waren sie tief in ihre Diskussion verwickelt. Seine Überzeugungen waren ihm so wichtig wie ihr die ihren, doch seine Prioritäten waren merkwürdig. Die Toten zu heilen war ihm wichtiger, als sie zum Licht des Lebens zurückzuführen.

„Ich werde das nie verstehen“, sagte sie zu ihm. „Aber ich glaube, dass du es ernst meinst.“

„Ich hatte nicht erwartet, dass du es verstehen würdest. Aber ich bin froh, dass du zugehört hast.“

Die meisten Matrosen gingen vor dem Morgengrauen unter Deck schlafen. Als die Sonne aufging, ließ die Dressierte Ratte den Rest des Schwarzen Nebels hinter sich und sie konnten ihr Ziel sehen.

„Da ist sie“, sagte Ruven. „Die Insel. Dieser Schatten am Horizont.“

Eine Handvoll Matrosen versammelte sich an der Reling. Am grauen Horizont vor ihnen war ein dunkler, kegelförmiger Fleck.

„Die Insel Narbfels“, sinnierte Yorick. „Ich habe gehört, dass lange vor meiner Zeit Menschen dort lebten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glaube.“

Illaoi stieg der Schwefelgeruch in die Nase, als sie noch Meilen von der Küste entfernt waren. Als sie sich näherten, löste sich der Schatten am Horizont zu einem Berg aus dunkler Asche auf, nackt und unbewachsen von der Wasserlinie bis zum Rand des Kraters. Hier und da war er von gezackten Felsen besetzt, jeder von ihnen größer als ein Haus.

Als die Besatzung den Anker senkte, kehrte Illaoi zurück in ihre Kajüte und holte ihren Götzen. Der Bauch des Schiffs war in Schatten gehüllt und still, kein Geräusch lauter als das Knarren von Brettern und das Platschen von Wellen gegen den Rumpf. Hier und dort schliefen Matrosen noch in ihren Hängematten.

Ihr Götze lag auf ihrer Koje. Sie trug ihn mühevoll an ihrer Seite und schlängelte sich zwischen den Kanonen zurück in die Mitte des unteren Decks.

Es ist so still, dachte sie.

Dann stellte sie fest, dass sie niemanden schnarchen hörte.

Sie legte die Hand auf die nächste Hängematte und neigte sie zu sich. Kristof lag in ihr … und atmete nicht. Seine trockener Mund war geöffnet und seine Augen starrten ausdruckslos nach oben. Illaoi konnte die Gegenwart seines Geistes fühlen, aber er lag dort wie ein Toter.

Eine magische Stase? Das war nicht natürlich.

Schnell ging sie zur nächsten Hängematte. Auch dieser Matrose war in einer leichenähnlichen Stase gefangen.

Jedes Schiff, das die Schatteninseln verlässt, kann so viele blinde
Passagiere befördern, wie es Schatten hat.

„Zeig dich“, sagte sie. „Wer hat das gemacht?“

Ein KNALL. Weiter vorne im Schiff fiel die Luke über der Treppe zu und das ganze untere Deck wurde in Finsternis gehüllt.

Illaoi bückte sich und umklammerte ihren Götzen fester. Im unteren Deck war kaum Platz zu kämpfen. Es war der einzige Ort auf dem Schiff, an dem sie verwundbar war. „Du hast gewartet, bis Yorick und ich getrennt waren, nicht war?“

Ein blaues Licht flackerte im Dunkeln. „Ja“, sagte eine Stimme. „Und bis der Nebel weg war. Dein neuer Freund führt ihn wie eine Waffe.“ Ruven trat zwischen Illaoi und der Treppe aus den Schatten. „Ich wollte mit dir unter vier Augen sprechen.“

Ein blasser Schimmer umgab ihn. Und hinter ihm stand jemand anderes.

Es war ein buckliger, in eine Robe gehüllter Geist, gekleidet wie ein Gelehrter der Gesegneten Inseln. Seine Kleider waren von arkaner Geometrie gekreuzt und mit schwarzem Schleim beschmutzt, als wäre er aus einem fauligen Sumpf gestiegen. Tentakel Schwarzen Nebels wanden sich um ihn. Und über seinem engen schmutzig-goldenen Kragen war ein Gesicht aus herabhängender geschmolzener Haut, entzweit von einem riesigen krötenähnlichen Maul. Als er seine Lippen zu einem Lächeln verzog, konnte Illaoi mehrere Reihen kleiner spitzer Zähne sehen.

„Ich weiß, du lässt dich nur zu gerne zu Niederem herab, Kapitän. Aber das habe ich nicht erwartet. Du bist einen Pakt mit einem Monster eingegangen.“

„Ich bin einen Pakt mit einem Mann eingegangen, der mir geholfen hat! Das ist alles, was ich wollte – etwas Hilfe.“ Ruvens Lippen verzerrten sich zu einem schmerzerfüllten Grinsen. „Ich habe in meinem Leben hart genug gearbeitet, oder nicht? Ich brauche keine spirituelle Arbeit, Illaoi. Ich brauche nur etwas Hilfe!

Der Geist hob seine Hand. Er hielt eine Kugel, die mit demselben blauen Licht glühte, das um Ruven flackerte. Schwarzer Nebel floss aus ihm und aus dem Geist. Dann blitzte die Kugel auf und Ruvens Kopf machte einen seltsamen Ruck.

Illaoi erkannte, dass sie den Mann völlig falsch gedeutet hatte. Er wollte sich nicht die Mühe machen, sich zu verändern. Er wollte der Lakai eines Anführers sein. Er wollte nur einen nachsichtigeren Herrn als Sarah es war.

Für einen Angriff war es hier zu eng, also versuchte sie, das Gespräch weiterzuführen. „Und wo hast du diesen Geist getroffen?“, fragte sie und kämpfte sich zwischen den Kanonen weiter vor.

„Bartek hat mich vor den Geistern gerettet.“

Illaoi konnte ihr bitteres Lachen nicht zurückhalten. „Er benutzt dich. Sei dein eigener Mann, Ruven.“

Ruven zögerte, aber die Kugel flackerte wieder auf. Er erzitterte wie eine Marionette, die zum Strammstehen gebracht wurde.

Halte sie auf“, sagte Bartek. Seine Stimme war grob und feucht wie eine Luftblase, die aus einem Sumpf stieg. „Hol dir das Amulett.

Illaoi wartete nicht ab, um herauszufinden, was er tun würde. Sie machte einen leisen, selbstbewussten Schritt nach vorne in einen offenen Bereich und schwang ihren Götzen so hart sie nur konnte gegen Ruvens entzweibrechbaren kleinen Körper.

Er segelte über das Deck, schlug hart gegen den Rumpf des Schiffs und zerschmetterte die Bretter. Bartek schreckte überrascht zurück und stieß einen frustrierten Schrei aus. „Närrische Priesterin!

„Wähle deine Vertreter besser aus“, sagte sie. „Warum kämpfst du nicht selbst?“

Sie ging auf ihn zu und der feige Rückzug der Kreatur beantwortete eindeutig ihre Frage. „Mein Meister hat mir eine Waffe gegeben, die stärker als deine Göttin
ist“, fuhr er sie an. „Und einen Vertreter, der für mich kämpft.

Wieder flackerte die Kugel in seiner Hand auf … und der Kapitän bewegte sich. Langsam richtete er seinen kaputten Körper wieder auf.

Du kannst ihn nicht töten“, sagte Bartek zu Illaoi. Seine Lippen öffneten sich zu einem breiten Grinsen, wie das Maul eines Flusskönig-Welses. „Ich kann ihn zurückbringen. Das Geschenk des Laternenzünders hat mir
Herrschaft über seine Seele gegeben.

Der Laternenzünder – Thresh! Illaoi wich zurück. Ein Artefakt, das Seelen fängt, ein Geschenk von Thresh? Bei der Göttin. Das ist nicht gut.

Ruven bewegte sich wie ein von einer Schnur zusammengehaltenes Bündel Stöcke. Illaoi konnte sehen, wie sich seine Muskeln merkwürdig in seinen Armen und seinem Hals zusammenzogen – geführt von Magie, nicht von seinem eigenen Willen. Mit einem Ruck seiner gebrochenen Beine sprang er mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit auf sie zu. Sie wich ihm aus und ließ ihren Götzen fallen, als sie sich durch die Kanonen drängte. Er rollte über die Bretter auf dem Deck zwischen ihnen.

Sie hielten inne. Ruven betrachtete sie mit schielendem Blick. Illaoi atmete schnell ein und stürzte sich in Richtung des Götzen. Ruven sprintete auf sie zu und trat ihr in die Rippen. Es fühlte sich an, als wäre sie von einer Kanonenkugel getroffen worden – und jetzt war Illaoi es, die die Bretter hinter ihr zerschmetterte. Der Götze flog ihr aus der Hand und durch den Rumpf und hinterließ ein Loch so groß wie Illaoi selbst.

Als ihr der Götze aus den Fingern glitt, fühlte sie, wie ihre lebenswichtige Verbindung zu Nagakabouros schwand. Verdammt! Dann eben mit den Fäusten. Mühsam richtete sie sich auf.

„Hast du deine Magie verloren?“, spottete Ruven.

„Aber nicht meinen Glauben. Ich wollte dich schon den ganzen Tag entzweibrechen“, sagte Illaoi. „Ich glaube, Nagakabouros wird mir meinen Wunsch erfüllen.“

Als sie aber ihre Hand erhob, um ihm einen Schlag gegen den Kiefer zu versetzen, erhob Bartek auch die seine. Die Kugel in seiner Hand flackerte auf. In den Hängematten auf dem Deck erhoben sich die Matrosen, steif wie Bretter. Sie sprangen wie piltoveranische Roboter aus ihren Hängematten.

„Du entweihst die Toten“, knurrte Illaoi.

Sie sind erst tot, wenn ich ihnen befehle, sich hinzulegen und zu
sterben!

Bartek schwang die Kugel und die Matrosen schwangen ihre Fäuste. Es waren acht oder neun und sie alle hatten die Kraft einer heranstürmenden Salzrobbe. Illaoi beschützte ihr Gesicht und versuchte, die Schläge abzuwehren.

Ohne ihren Götzen konnte sie Nagakabouros’ Tentakel nicht beschwören, um sie zurückzuschlagen – aber sie konnte zuschlagen. Die Göttin stellt selbst mich auf die Probe, dachte sie. Aber dies ist eine Prüfung, die ich nur zu gerne ablege!

Sie traf die Schulter eines Matrosen so hart, dass sein Arm mit einem Geräusch ausgekugelt wurde, als würde eine Planke brechen. Einen anderen traf sie mit ihrem Knie, worauf sein Körper die Treppe zum oberen Deck zerschmetterte. Sie glitt durch die Kampfbewegungen, die sie in der Ausbildung zur Priesterin gelernt hatte. Fäuste schnellen vor wie ein rammendes Schiff. Die Beine fest im Boden
verankert wie die Wurzeln einer Inseln im Meeresboden. Ein Stoßgebet an Nagakabouros flüsternd wich sie Kristofs Schlag aus und warf ihn über ihre Schulter auf den Boden des Decks. Seine Stirn hinterließ rote Spritzer auf den Planken.

Sie wich in Richtung des Lochs in der Wand zurück. Außerhalb des Schiffs habe ich Platz zum Kämpfen. „Kapitän, du bist erbärmlich“, spottete sie. „Du wirst von allen zum Narren gehalten.“

Wie sie erwartet hatte, verzog sich Ruvens Miene vor Wut.

„Du fühlst dich schwach, weil du schwach bist“, fuhr sie fort. „Niemand kann dir damit helfen.“

Er sprang auf sie zu. Illaoi fühlte, wie die Kraft seines Sprungs sie beide aus dem Schiff hinaus beförderte.

Die Arme ineinander verschränkt stürzten sie ins Sonnenlicht. Sie erhaschte einen Blick auf das Chaos auf dem oberen Deck: Yorick von angreifenden Matrosen umzingelt, sie alle in blaues Licht gehüllt. Sie sah ihn mit dem Blatt seiner Schaufel eine Frau vom Schiff fegen.

Dann sanken Ruven und sie ins Meer. Das war ihr Revier – Ruven war übermenschlich stark, aber der Mann konnte nicht schwimmen. Illaoi hatte seit ihrer Kindheit das Schwimmen durch reißende Fluten geübt. Sie drückte ihn gegen den Sandboden der Bucht, ergriff ihn am Hals und hielt ihn unten. Dann schlug sie auf ihn ein, bis sie sich ihre Knöchel an seinen Zähnen zerschnitt.

Illaoi konnte unter Wasser die Luft fast fünf Minuten lang anhalten, wenn sie ihre Energie sparte. Ruven bewusstlos zu schlagen, strengte sie so sehr an, dass sie nur eineinhalb Minuten durchhielt, bevor sie sich an die Oberfläche kämpfen und nach Luft schnappen musste.

Ruven schlug am Grund der Bucht schwach um sich und trat eine Wolke aus Sand hoch. Illaoi tauchte wieder nach unten, ergriff ihn an der Jacke und zerrte ihn über das Wasser an die Küste. „Gib auf“, schrie sie und schlug ihn erneut. Er würgte einen Mundvoll Meerwasser hoch. „Gib auf! Du bist ein toter Mann.“

Ruvens Augen wanderten zum Schiff. Sie folgte seinem Blick und sah Yorick und Bartek am Bug kämpfen. Yorick hielt Barteks Hals umklammert, doch die Hand des Geists mit der Kugel war gen Himmel erhoben …

Die Kugel strahlte ein blendendes Weiß aus und Illaoi ging vor Schmerz auf die Knie. Es war, als hätte jemand eine Lanze aus Feuer durch ihren Kopf gestoßen. Bei der Göttin, was war das? Es war sogar zu schmerzhaft, sich zu bewegen.

Ruven kroch auf gebrochenen Gliedmaßen auf sie zu, in seiner Hand ein Dolch. „Sein Meister ist zu mächtig, Illaoi“, sagte er. „Wir alle haben jemandem, vor dem wir uns verantworten müssen. Er muss sich vor einem Phantom verantworten, das beinahe ein Gott ist. Gib ihm einfach das Amulett.“

Illaoi hatte diesen „Gott“ vor mehreren Wochen vernichtet. „Nein“, war alles, was sie hervorbringen konnte.

Doch das sengende Licht der Kugel schien wieder vom Boot und dieses Mal war der Schmerz schlimmer. Illaoi biss die Zähne zusammen. Es fühlte sich an, als würde jemand ihren Verstand von ihrem Körper schaben wollen.

„Gib auf“, flehte Ruven sie an. „Er wird dir die Seele aus dem Ohr saugen und dich zu einer Marionette machen. Wie er es mit mir getan hat.“

Das … soll er … versuchen.“

Mühevoll hob sie einen Arm – und gab Ruven einen Klaps. Er war so schwer verwundet, dass er davon zu Boden ging.

Einen Augenblick später ragte über Illaoi ein Schatten auf und Bartek warf Yorick neben sie auf den Boden. Yorick schien betäubt, aber am Leben.

Tentakel aus Schwarzem Nebel wogten um Bartek. Er beugte sich nach unten und löste die Schatulle von Illaois Gürtel. „Mein Preis“, gurgelte er.

„Heile mich, Meister“, flehte Ruven. „Bitte … ich sterbe.“

Bartek stieß nur ein tadelndes Lachen aus. „Nein.

Illaoi wusste, ihnen blieben nur Sekunden, bevor Bartek verschwinden würde. Sie wandte sich an Yorick. „Totengräber“, flüsterte sie.

Yorick blinzelte, schüttelte und sammelte sich. Er legte seine Hand auf den Sand, um sich aufzurichten – und zog sie zurück, als hätte er sie verbrannt. „Da unten ist etwas“, antwortete er. „Die Toten. Leichen.“

Ruven hatte den Saum der Robe seines neuen Meisters ergriffen. „Ich will leben“, flehte er.

Das wird er nicht überleben, erkannte Illaoi. Aber für seine Mannschaft bestand noch Hoffnung. Sie warf einen Blick auf Bartek, dann wieder auf Yorick. „Lass sie raus.“

Yorick schloss die Augen. „Erhebt euch“, befahl er den Knochen. „Ich habe Arbeit für euch!




Illaoi fühlte das Grollen, bevor sie es hörte.

Der Sand tanzte. Die Asche am Hang des Vulkans begann, zu ihnen hinab zu rutschen. Bartek blickte sich plötzlich unruhig um. Tief unter ihnen, im Felsbett unter dem Ozean, brach etwas.

Dann erhob sich eine Flut von Geistern.

Aus einer Spalte unter Yoricks Hand ergoss sich ein Schwall erzürnter Seelen. Illaoi sah, wie die Geister um sie herum aus dem Sand sprangen und mit einer derart innigen und konzentrierten Wut heulten, dass es ihr den Atem verschlug. Sie stanken nach Schwefel. Die Luft war stickig und erfüllt mit ihren verkohlten, durchsichtigen Gestalten, das Gelände um sie verzerrt.

Yorick hob seine Hand und schleuderte sie in Barteks Richtung. Mit einem Geräusch wie ein Peitschenknall schoss ein Tentakel aus Schwarzem Nebel aus seinem Umhang und traf den Gelehrten aus Helia. Der Nebel um ihn tobte und rollte.

„Dieser Mann ist ein Diener des Nebels“, rief Yorick. „Der Nebel, der euch erweckt und hier gefangen hat!“

Die Geister rasten auf Bartek zu, von ihm angezogen wie Hunde von einem Duft.

„Tötet ihn“, befahl Yorick.

Die Flut von Seelen traf Bartek, warf ihn auf den Rücken und stampfte den Sand um ihn zu einem Krater. Die wütenden Toten rissen an Barteks Robe und prügelten mit ihren Fäusten auf ihn ein. Er krümmte sich kreischend. Jeder Schlag ihrer schwefeligen Hände verbrannte ihn.

Etwas blitzte in seiner Hand auf. Die Schatulle! Illaoi zwang ihren schmerzenden Körper auf die Beine. Der Sand blubberte und wirbelte, als hunderte Geister aus ihm drangen, und der Schwall der an ihr vorbei rasenden Seelen zerzauste ihre Haare wie ein starker Wind. Sie konnte kaum das Gleichgewicht halten.

Stolpernd ging sie auf Bartek zu und packte ihn an der Robe. Geister wirbelten um sie, verzweifelnd kreischend im Versuch, ihn zu schlagen. Ihn zu halten war, wie eine Flagge in einem Wirbelsturm zu halten. Sie zog ihn näher heran. „Gib mir das Amulett!“

Es gehört meinem Meister“, brüllte Bartek.

Sie schlug auf seinen Kiefer ein, fühlte etwas brechen. „Dein Meister ist tot“, rief sie. „Meine Freunde und ich haben ihn getötet!“

Aber dann formte sich sein Kiefer wieder zurück. „Nein“, knurrte Bartek, Teer über seine verzerrten, hängenden Lippen strömend. „Er lebt noch!

Er schwang seine Kugel, aber Illaoi ergriff sie. Ihre glatte Oberfläche verbrannte ihre Hände, aber sie entriss sie ihm, als sie ihren letzten Strahl freisetzte. Die Seelen um ihn wichen kreischen zurück und Illaoi stürzte zu Boden.

Sie erhaschte einen Blick auf Bartek, der raus aufs Meer sprang. Die Schatulle hielt er in seiner schleimigen Faust. Dort schwebte er siegreich …

Aber dann holten die Geister ihn ein. Sie überwältigten Bartek, und die Kraft ihres Ansturms drängte ihn in Richtung Horizont. Wie eine Kanonenkugel schoss er über die Wasseroberfläche – Gischt zischte entlang beider Seiten seines Wegs.

„Nein“, hörte sie Yorick den Toten zurufen. „Wartet!“

Die Geister ignorierten ihn. Der Ozean kochte vor tobenden Seelen, die ihren Feind und ihre Pflicht weit von wegtrugen. Auf dem offenen Meer explodierte etwas, und ein Turm aus Gischt, so hoch wie der Mast eines Schiffs, schoss empor. Einen Augenblick später folgte ein weiterer, der noch weiter draußen war. Die Geister bewegten sich schneller als jedes Schiff oder jedes Schlangenross.

Illaoi ließ Barteks Kugel fallen und ging auf die Knie. Sie drückte ihre Stirn in den Sand. Ich habe versagt. Er hat Viego.

Neben ihr brach Yorick zusammen. „Dies ist ihr Wille, nicht meiner“, krächzte er.

„Ich habe in meiner Pflicht versagt“, sagte sie. „Ich habe Sarah im Stich gelassen.“

„Wen?“

Mit Mühe setzte sich Illaoi auf. „Meine engste Freundin. Ich habe ihr gesagt – ihr versprochen, ich würde es zerstören.“ Als sie mich am dringendsten brauchte, habe ich sie im Stich gelassen.
Vergib mir, Göttin!

Yorick sah zu, wie noch mehr Geister auf die See hinaus rasten. „Ich habe etwas befreit, das ich nicht kontrollieren kann“, sagte er. „Jahrhunderte waren sie da unten gefangen, unter dem Fels. Eine Stadt von Seelen. So viel Schmerz und Zorn. Sie wollen Rache … und er ist ein Wesen des Schwarzen Nebels, der sie erweckt hat.“

Als sich die letzten Seelen aus der Erde erhoben und in den Ozean drängten, fühlte Illaoi ihre Wut schwinden. „Was wird mit ihnen passieren?“, fragte sie.

„Wenn sie zurück zu den Inseln kommen, werde ich sie finden“, sagte Yorick. „Aber ich bezweifle, dass ich die Kröte finden werde, die Viego genommen hat.“

Sie kämpften sich auf die Beine und begutachteten das Schlachtfeld. Barteks Herrschaft über die Mannschaft des Schiffs war vorüber. Sie konnte mehrere Matrosen erkennen, die reglos am Strand lagen, und noch mehr, die über die Reling des Schiffs hingen. Ruven selbst lag in der Nähe, von einer Sanddüne halb begraben. Illaoi suchte nach seinem Puls, konnte aber keinen finden. „Er ist gestorben“, sagte sie zu Yorick.

„Aber sein Geist ist noch hier.“

Yorick kniete neben Ruven nieder und legte eine Hand auf seine Schulter. Illaoi sah einen Schemen von ihm aus seinem Körper steigen, in einem im hellen Morgenlicht nahezu unsichtbaren blassen Blau schimmernd.

Seine Stimme war schwach und hallend, wie von einer Person, die in das andere Ende eines Rohrs flüsterte. „Ich bin gestorben!“, stieß er verzweifelt hervor. „Bei den Göttern. Ich bin gestorben!

Yorick ergriff die Hand des Geistes. „Du bist in Sicherheit“, sagte er. „Du hast deinen Körper zurückgelassen.“

Ruven betrachtete seinen gebrochenen Körper mit schockiertem Unverständnis.

„Du kannst alles zurücklassen“, sagte Yorick. „Ich habe dich erweckt, auf dass du Frieden finden kannst.“

Ruven erstarrte. „Frieden finden?

„Gibt es etwas, das du sagen musst?“, fragte Yorick. „Etwas, das du tun musst?“

Ich werde keinen Frieden finden. Nicht ohne die Mannschaft“, sagte Ruven. „Ich bin ihr Kapitän. Ich stehe in ihrer Schuld.“ Er blickte sich um. „Wo ist das Artefakt dieses Scheusals?

Illaoi war verblüfft. Im Augenblick seines Todes dachte Ruven endlich an seine Mannschaft. Bei der Göttin, Yorick hatte recht. Die Toten können sich ändern.

„Ich habe das Artefakt“, sagte Illaoi. „Kannst du es verwenden?“

Es hat meine Seele in sich getragen“, sagte Ruven. „Ich habe gefühlt, wie es funktioniert. Es kann mich nicht retten … aber es
kann sie retten, wenn sie noch nicht tot sind.

„Hilf mir, sie zu heilen“, flehte Yorick. „Bitte, zeig mir, wie.“

Ruven wandte sich Illaoi zu. Sein Gesicht war von einem dümmlichen Grinsen geteilt, dem einzigen aufrichtigen Lächeln, das sie von ihm gesehen hatte, seit sie sich getroffen hatten. „Priesterin, sieh zu“, sagte er. „Ich zeige dir, was ich drauf habe.

Dann ergriff er Yoricks Hand … und verschwand.

Yorick rannte den Strand entlang. Die Matrosen an der Küste waren an der Schwelle des Todes. Er schien zu wissen, wessen Geister noch bei ihnen blieben und welche bereits verstorben waren. Mit Ruvens leitendem Wissen bewegte sich Yorick zwischen den Leichen. Wenn die Kugel in seiner Hand aufleuchtete, kehrte ihr Atem zurück.

Als Kristof hustend wieder zum Leben erwachte, dachte Illaoi: Yorick heilt die Lebenden und die Toten. Was hält die Göttin von ihm?

Aber sie wusste, die Göttin würde ihr nicht verraten, was sie von Yorick halten sollte. Die Göttin wollte, dass sie es selbst entschied.




An diesem Abend, nachdem sie den Götzen vom Grund der Bucht geborgen hatte, machten sich Illaoi und Yorick daran, Ruven und die anderen Toten oben am Rand des Vulkankraters zu begraben.

„Von hier oben hat man eine fantastische Aussicht“, merkte Yorick an, als er das letzte Grab bedeckte. Er führte seine Schaufel wie ein erfahrener Handwerker.

Illaoi ging auf den Rand des Vulkans zu und blickte hinunter auf den feurig roten See aus Lava. Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. „Vielleicht können ihre Geister von hier oben den Rest der Welt sehen, der von der Zerstörung bedeckt ist“, sagte sie.

Yorick stand neben ihr. „Ich glaube nicht, dass das passieren wird“, sagte er. „Selbst wenn Viego versucht, die ganze Welt zu vernichten … nun. Die Toten haben ihren eigenen Willen.“ Er warf Illaoi einen Blick zu. „In meinen Tagen habe ich viele gesehen, die ihn zerstören wollen. Sie können uns helfen.“

Illaoi dachte kurz nach. Die Toten erheben sich gegen Viego? Etwas Ähnliches hatte sie schon einmal auf den Schatteninseln gesehen. Aber das war so etwas Seltenes. War mit Yorick eine andere Zukunft möglich? Geister und Buhru, vereint in denselben Zielen? Es fühlte sich unmöglich an. Aber …

„Ich werde ihnen helfen“, versprach Yorick.

Illaoi fühlte in ihr eine seltsame Hoffnung heranwachsen. „Du hast ein gutes Herz“, sagte sie. „Dein Können ist wie ein erfülltes Versprechen von Nagakabouros, denke ich. Die Macht, die Toten aus ihrem Stillstand zu befreien … so etwas habe ich noch nie gesehen.“

Yorick zuckte mit den Schultern. „Ich tue, was ich tun muss.“

„Nein“, beharrte Illaoi. „Du tust mehr, als irgendjemand erwartet. Du hast Ruvens Geist befreit. Du hast ihn nach seinem Tod bewegt. Und du hast den gefangenen Toten Bewegung verschafft!“

Als sie diese Worte sprach, fühlte sie den Schock in ihr wachsen. Wenn das möglich ist, dachte sie, dann ist alles möglich. Bewegung für meine Freunde. Freiheit für Sarah.
Eine bessere Welt für uns alle.

„Nagakabouros hat uns aus einem Grund zusammengeführt“, fuhr sie fort. „Ich glaube, wir können voneinander lernen, wie es unsere Vorfahren getan haben.“ Die Möglichkeiten blühten in ihren Gedanken auf. Die alten Buhru und die Gelehrten der Gesegneten Inseln hatten gemeinsam solch unglaubliche Dinge erschaffen. Was ihnen fehlte, war ein gemeinsamer Zweck, eine Mission, die sie für ein gemeinsames Ziel vereinte. „Was deine Bruderschaft der Welt gewünscht hat, wovon mein Glaube träumt – es ist dasselbe. Veränderung und Wachstum. Befreiung!“

„Ich bin mir nicht sicher, ob der Rest deiner Religion zustimmen würde“, lachte Yorick.

„Ich werde sie dazu bringen“, versprach Illaoi.

„Ich glaube, dass es möglich ist. In meiner Jugend standen unsere Völker einander nahe. Aber vorerst muss ich zurück in meine Heimat. Dort sind Geister, denen ich eine Pflicht schuldig bin.“

Die Herrin, dachte Illaoi. „Dies ist dein Weg. Beharrlichkeit und Hingabe, wie du gesagt hast. Aber eines Tages, wenn du bereit bist, das Kloster zu verlassen, werden die Buhru einen ehrwürdigen Mönch wie dich willkommen heißen. Wir werden im Kampf gegen Viego einen Verbündeten brauchen.“

Yorick blickte nach unten auf die Lava. „Niemand hat mich je einen ehrwürdigen Mönch genannt“, sinnierte er.